Drei Aufwinde ...

... bringen uns im Gebirge auf Höhe

Bericht und Fotos: Frank Schwartz
Veröffentlicht in FMT-Extra RC-Hangflug 2013
© 2013 Frank Schwartz, alle Rechte vorbehalten


Noch steht die Sonne im Süden, dort hat es aber leider Bäume. Deshalb wird mit dem leichten HLG getestet, ob der Westhang schon trägt.

Zwei verschiedene Arten von Aufwind, die für den Modellflug – und andere Luftsportarten – im Gebirge nutzbar sind, werden laufend benannt und sind sicherlich dem Leser geläufig. Zur Ergänzung will ich Ihnen vor allem den dritten, den im Gebirge wichtigsten, näher bringen. Die beiden anderen sind dabei nur eine Folge oder unterstützend tätig.
Wir beschäftigen uns im Folgenden mit drei Aufwindarten, die in der Reihenfolge ihrer Wichtigkeit aufgezählt sind: der anabatische Wind, die Thermik und der dynamische Hangaufwind. Keine Angst, es wird nicht wissenschaftlich oder kompliziert. Die Vorgänge sind einfach zu beschreiben und zu verstehen. Doch zunächst einmal der Reihe nach und ein kleiner Exkurs in die Ebene.

Thermik
Wir erinnern uns: die Sonne erwärmt den Erdboden, der Erdboden erwärmt die darüber liegende Luftschicht. Es gibt Bodenbeschaffenheiten, die sehr viel Wärme speichern, wie zum Beispiel feuchte Wiesen, Wälder, Wasser usw. Andere wiederum geben die Wärme sehr schnell wieder an die Luft ab, wie zum Beispiel reife Getreidefelder, Sand, Steine usw. Ein weiterer Faktor ist wichtig, nämlich der Einstrahlungswinkel der Sonne. Je steiler die Sonnenstrahlen auf die Erdoberfläche treffen, desto schneller und stärker erwärmt sich der Boden.
Über dem geeigneten Erdboden entsteht großflächig eine gleichmäßige Schicht warme Luft. Irgendwann ist dieses Luftpaket so kräftig, dass es die Haftung zum Boden verliert und als gewünschtes Objekt der Begierde in Form eines Thermikschlauches nach oben steigt. Oder das Warmluftpolster wird durch den Wind in Bewegung gesetzt, bis es an ein Hindernis stößt, um an dieser sogenannten Abrisskante ebenfalls als Thermikschlauch zu steigen. Nun zurück ins Gebirge.

Die Sonneneinstrahlung
Aufgrund der Neigung der Gebirgshänge ist der Einstrahlungswinkel und damit die Wirkung der Sonneneinstrahlung wesentlich höher als im Flachland. Und das schon früh am Morgen, wenn die Sonne noch kaum über den Horizont gekommen ist. Das bedeutet, die Sonne erwärmt den Erdboden intensiver über einen längeren Zeitraum. Dazu kommt noch eine meist günstige Bodenbeschaffenheit. Hellere, trockene Wiesen am Berghang und Felsen geben die Wärme sehr schnell an die darüber liegende Luft ab.
Auch an den Gebirgshängen entsteht ein Warmluftpolster. Dieses setzt sich aber sehr schnell von alleine in Bewegung. Es steigt den Hang entlang hinauf. Diese Entwicklung startet am frühen Morgen in den Gipfelbereichen, wo die Sonne zuerst hinkommt. Später, wenn der ganze Hang von der Sonne beschienen wird, bewegt sich das Warmluftpolster vom Talgrund bis hinauf zum Gipfel. Jetzt ist leicht vorstellbar, dass die Intensität dieses Phänomens zunimmt, je weiter man am Berghang nach oben kommt. Das will heißen, mit steigender Hanghöhe wird die Menge der sich bewegenden warmen Luft größer, die Schicht wird dicker und sie wird schneller fließen. Die Steiggeschwindigkeit dieses anabatischen Windes und seine Ausdehnung reichen nicht nur aus, um Modellflugzeuge jeder Größe zum Steigen zu bringen. Auch zum Beispiel Gleitschirmflieger nutzen diese Windströmungen für ihre Streckenflüge.


Die Sonne bescheint den Hang auf der linken Seite. Anabatischer Hangaufwind entsteht.

Thermische Ablösungen
Dem Warmluftpolster am Gebirgshang ergeht es natürlich auch nicht anders wie dem in der Ebene. Hier ist alles nur intensiver. Kommt es an eine Abrisskante, löst sich dort ein Thermikschlauch vom Hang, um nach oben zu steigen. Diese Abrisskanten können Bäume, Wälder, Geländeformen und anderes mehr sein. Aufgrund der Tatsache, dass der Warmluftstrom, der anabatische Wind, eigentlich selten nachlässt, gibt es im Gebirge sehr verlässliche Stellen, an denen ein „Hausbart“ steht. Auf jeden Fall ist dort, wo der anabatische Wind weht, immer auch mit thermischen Ablösungen zu rechnen. Diese können hangnah sein, etwas weiter draußen stehen, aber eigentlich nie über dem Talgrund. Denn ein Teil der aufsteigenden Luft fällt in der Regel über dem Talgrund als Abwind wieder nach unten. Löst sich eine Ablösung vom Hang, kann der anabatische Wind einen Moment aussetzen oder gar die Richtung wechseln, da aufsteigende Thermik bekanntlich Luft aus allen Richtungen ansaugt.


Auch für den anabatischen Wind, der ja eigentlich ein nach oben strömendes Warmluftpolter ist, gibt es Abrisskanten. Im Gebirge sind das dann oft die berühmten und sehr verlässlichen „Hausbärte“.

Dynamischer Aufwind, Teil I
Weht der überregionale Wind an den Hang wo der anabatische Wind fließt, unterstützt er ihn. Vorausgesetzt, wir befinden uns ziemlich weit oben am Berg. Weht der überregionale Wind aus einer anderen Richtung, so stört er uns sehr selten, solange wir uns nicht auf dem Gipfel befinden. Diese Erkenntnis ist spannend und der Kernpunkt für unsere Überlegungen, zu welchem Hang wir zu welcher Tageszeit fahren. Doch bevor ich auf diese Frage eine Antwort gebe, müssen wir uns mit dem so genannten Talwindsystem befassen.


Weht der überregionale Wind in diesem Beispiel von links, unterstützt und verstärkt er den anabatischen Wind in höheren Lagen.


Die Sonne bescheint am Nachmittag die andere Seite des Berges. Man kann ohne Beeinträchtigung durch den überregionalen Wind – sofern er nicht sehr stark ist – auf der rechten Seite hervorragend fliegen. Auf der linken Seite wird vermutlich gar nichts gehen.


Bis in den Nachmittag heizt die Sonne in diesen gebogenen Hang am Metschstand/Hahnenmoos, bis sich der von der anderen Seite aus Adelboden heraufkommende Talwind durchsetzt.

Das Talwindsystem
Mit dem anabatische Wind fließt eine Menge Luft den Berg hinauf. Diese hinterlässt natürlich am Talgrund kein Vakuum. Nur ein kleiner Teil der hinauf strömenden Luftmassen sinkt in der Talmitte wieder nach unten. Und das auch nur in breiteren Tälern. Der Nachschub kommt durch Luft, die großflächig in die Täler nachfließt. Und in der Regel ist die Flussrichtung hin zum Alpenhauptkamm, d.h. auf der Alpennordseite kommt dieser Wind von Norden. Er wird an manchen Stellen auch der „bayerische Wind“ genannt. Auf der Alpensüdseite fließt der Wind von Süd nach Nord. Bei Tälern in Ost‑West-Ausrichtung kann man in der Regel davon ausgehen, dass er vom Taleingang hin zum Talschluss weht.
Dieses Talwind-System setzt an allen Tagen ein, an denen die Sonne scheint. Dabei muss die Sonne nicht im ganzen Tal scheinen. Es genügt zum Beispiel auch, wenn sie nur am Talschluss ihre Kraft entwickelt. Auch ein teilweise mit Wolken bedeckter Himmel verhindert dieses System meist nicht.
Die Abfolge im Tagesverlauf: Am Morgen bescheint die Sonne die nach Osten ausgerichteten Hänge. Der anabatische Wind entsteht am Osthang, der Talwind fängt an, in das Tal hinein zu wehen. Die Sonne wandert und steht am Mittag im Süden. Ihre Kraft ist stärker geworden, die Dauer der Einstrahlung länger. Der anabatische Wind an den Südhängen setzt ein und wird im Laufe der Stunden deutlich stärker. Am Nachmittag, wenn die Sonne im Westen steht, fallen die ersten Schatten auf die Osthänge. Dort hört der anabatische Wind auf und schlägt – meist sehr plötzlich, das heißt innerhalb einer viertel bis halben Stunde – um in den Bergwind, der kalt von den Gipfeln herunterweht. Wer jetzt noch ein Modell in der Luft hat, sollte sehr zügig landen. Aber noch geht es hervorragend an den Süd- und jetzt auch zunehmend an den nach Westen ausgerichteten Hängen. Und an diesen Westhängen kann man in den meisten Lagen bis spät am Abend, bis zum Sonnenuntergang, fliegen bevor dort der Bergwind einsetzt. Der Aufwind ist in der Regel um diese spätere Tageszeit wesentlich gleichmäßiger und verlässlicher wie am Vormittag an den Osthängen. Aber wenn die Sonne untergeht ist auch am Westhang plötzlich Schluss mit lustig und der Bergwind setzt ein. So kräftig, wie der anabatische Wind nach oben geweht hat, ähnlich kräftig weht nun der Bergwind ins Tal hinunter und nimmt alles mit, was keinen eingebauten Motor hat.

Beispiel: Talwindsystem in einem Nord-Süd-Tal nördlich des Alpenhauptkamms


Vormittag: An den Osthängen entwickelt sich von oben nach unten der anabatische Wind. Am Talgrund setzt der von Norden einströmende Talwind ein.


Mittag: Die Südhänge der Seitentäler werden von der Sonne zunehmend angestrahlt. Der Talwind wird deutlich stärker.


Nachmittag: Am Osthang setzt der Bergwind ein. Jetzt weht der anabatische Wind noch am Südhang und am Westhang bis zum Sonnenuntergang.


Abend und Nacht: Der Bergwind weht an allen Hängen hinab ins Tal und dort nach Norden aus den Tälern.

Welcher Hang geht wann?
Jetzt ist klar geworden, dass die Frühaufsteher unter den Modellfliegern an den Osthang gehen. Wer länger beim Frühstück sitzen möchte, versucht es gleich am Süd- oder Westhang. Und das vollkommen unabhängig davon, woher der überregionale Wind weht. Letzteren bei der Hangwahl zu berücksichtigen macht nur dann Sinn, wenn man auf einem Berggipfel fliegt, oder wenn der Himmel vollständig von einer geschlossenen Wolkendecke bedeckt ist.


Dieser sonnenbeschienene Hang liefert einen gleichmäßigen und starken anabatischen Wind. Gelegentliche Wolkenschatten stören nur unwesentlich. Nur eine ortsfeste „Gipfelwolke“ kann den Spaß verderben. Der überregionale Wind kommt von links.


Ein nach Westen gerichteter Bilderbuchhang an der Bichlalm. Nicht nur wegen der Blumen, sondern hier kann man bis zum Sonnenuntergang fliegen – wenn die Wolken später nicht zu machen.

So weit die Theorie. In der Praxis haben die Täler natürlich keine glatten Hänge in einer Himmelsrichtung. Seitentäler zerfurschen das Gelände. So kann es durchaus sein, dass an einem Osthang noch lange bis in den Nachmittag geflogen werden kann, weil ein Seitental an gleicher Stelle dem anabatische Wind am Südhang die Tore öffnet. Und so weiter. Wir haben im Gebirge ein sehr komplexes System, das letztlich von vielen Faktoren beeinflusst ist: Die topografischen Gegebenheiten, das Talwindsystem, die Groß‑Wetterlage, lokale Besonderheiten im Kleinen u.a
Das Talwindsystem in den Alpen ist aber sehr verlässlich. Es stellt sich Tag für Tag in gleicher Art und Weise und immer zur selben Zeit ein. Einzige Voraussetzung ist, dass irgendwo im näheren Einflussbereich die Sonne durch die Wolken durchkommt. Lediglich eine großflächig geschlossene Wolkendecke verhindert dies. So wird zum Beispiel in Oberstdorf oder am Achensee oder sonst wo auf der Alpennordseite an jedem Tag mit Sonnenschein ein Nordwind wehen, auch wenn die Großwetterlage eine andere Windrichtung vorhergesagt hat.


An solchen, noch teils mit Schnee bedeckten Nordhängen fließt meist den ganzen Tag Kaltluft nach unten Richtung Talgrund.

Dynamischer Aufwind, Teil II
Und wenn wir dann das Glück haben, dass sich in dem Tal, in dem wir Urlaub machen, ein Wiesenhang dem Talwind in den Weg stellt, können wir im dynamischen Hangaufwind fantastische Flüge machen. Aber wie eingangs erwähnt, ist dieser dynamische Wind nur eine Folge des anabatischen Windes. In dieser Situation aber aufpassen, dass eine gute Landemöglichkeit vorhanden ist. Der Wind kann an vielen Stellen so stark sein, dass man das Modell – auch mit den besten Landehilfen – nicht mehr wirklich sicher auf den Boden zurück bekommt. Windgeschwindigkeiten von 20-30 km/h und mehr sind keine Seltenheit. Auch reichen diese Talwinde an manchen Orten sehr weit den angeströmten Hang hinauf. Das können an geeigneten Stellen schon mal 1.000 m und mehr werden. Eine fantastische Stelle für das dynamische Soaren habe ich in diesem Jahr im Großarltal kennen gelernt. Es ist der Feuerstein oberhalb der Hoamalm. Ein 300 m hoher Wiesenhang mit ca. 200 m Breite stellt sich dem Talwind direkt in den Weg.


Der Hang am Feuerstein steht perfekt dem einströmenden Talwind im Weg. Das Haupttal macht hier einen Knick in Blickrichtung nach links. Und bitte unten in der Hoamalm – vielleicht bei einer leckeren Jausen – fragen, ob man zum Fliegen auf die Wiese darf.

Fazit
Die Himmelsrichtung eines Gebirgshanges gibt vor, zu welcher Tageszeit man ihn befliegen kann, äußerst selten die Richtung des überregionalen Windes. Örtliche Besonderheiten brechen natürlich auch mal diese Regeln und machen das Fliegen spannend. Die so genannten „locals“ kennen sich aus und wissen, wo der Hausbart steht. Also einfach mal nachfragen. Abgeschwächt erlebt man solche Verhältnisse auch in höheren Mittelgebirgen. Nichts ist spannender wie das Fliegen im alpinen Bereich – natürlich ohne eingebaute E‑Thermik.

Dieses Thema wird hier ausführlich fortgesetzt .........