Der Petit Ballon

Bericht und Fotos: Frank Schwartz
Veröffentlicht in FMT-Extra RC-Hangflug 2012
© 2012 Frank Schwartz, alle Rechte vorbehalten

Petit Ballon
oder fliegen und schlemmen wie Gott in Frankreich

Der Kahle Wasen (auch Kleiner Belchen, frz. Petit Ballon) ist ein 1.272 m hoher Berg in den Vogesen. Er liegt im Regionalen Naturpark Ballons des Vosges. Dabei bezeichnet „Wasen“ althochdeutsch allgemein eine Wiese, „Belchen“ bezeichnet alemannisch unter anderem einen flach gewölbten kahlen Berg. Das Beiwort Klein wird verwendet, da es zwei weitere Belchen in den Vogesen gibt: in Sichtweite den Großen Belchen (Grand Ballon) und den Elsässer Belchen (Ballon d'Alsace, Welscher Belchen). Auf der östlichen Seite der Oberrheinebene, im Schwarzwald, heißt einer der höchsten Berge ebenfalls Belchen. (Wikipedia)

Wir sind auf dem Weg in die Vogesen zum Petit Ballon. Zwei Stunden sind es von Baden-Baden bis zum Parkplatz am Berg. Wir müssen uns entscheiden, ob wir schon bei Achern über den Rhein fahren und dann auf der französischen Autobahn bei wahrscheinlich dichtem Verkehr durch Straßburg fahren. Die andere Möglichkeit ist erst südlich von Straßburg die Rheinseite zu wechseln. Doch die Navi im Auto spielt uns einen Streich, und führt uns mitten durch Straßburg. Macht nichts, ist auch schön und wir gewöhnen uns daran, dass man in Frankreich etwas mehr Zeit hat.

Auf der französischen Autobahn ist nicht viel los. Wir verlassen sie Richtung Colmar, um dann weiter nach Münster zu fahren. Bei den Elsässern heißt dieser Ort Munster. Bereits in Höhe des Ortes Wihr könnten wir nach Süden abbiegen, um über Soultzbach und Wasserbourg und dann auf einer gut ausgebauten Wald-Straße direkt zum Parkplatz am Petit Ballon zu fahren.

Doch heute besuchen wir zuerst einen alten Bekannten, nehmen also die alternative Route über Munster nach Luttenbach. Bernhard hat es gut. Den ganzen Sommer verbringt er auf dem Campingplatz direkt an „seinem Berg“. Den festen Standplatz hat er seit 22 Jahren. Seither verbringt er fast jeden freien Tag an seinem Zweit-Wohnsitz. Seit er vor zehn Jahren Rentner geworden ist, ist das der ganze Sommer. Bernhard kennt also den Petit Ballon wie seine Westentasche. Er verspricht uns bei leichter Bewölkung und bis 15 km/h Nordostwind einen Super-Flugtag. „Die Vogesen sind landschaftlich schön, wild romantisch und weitläufig. Nicht so streng gegliedert wie der Schwarzwald auf der anderen Talseite. Und bei weitem nicht so reglementiert.“ So Bernhard zu seiner Motivation, all die Jahre hierher zu kommen.

Zwei Hänge auf dem Weg

Wir fahren also auf der zwar befestigten aber etwas holprigen Straße – eigentlich ist es ein asphaltierter Waldweg – den Berg hinauf. Bei der „Auberge Ried“ kommt von links die Straße über Wasserbourg herauf. Ein paar 100 m weiter erreichen wir die erste Flugmöglichkeit: Buchwald. Hier kann man quasi vom Auto aus, ohne weiteren Fußweg, bei Nordostwind fliegen. Das Gelände ist steil abfallend, der Wind kommt ein Tal herauf, was einen herrlichen Düseneffekt ergibt. Hier steht auch das erste Schild, das mit einer Karte und in französischer und deutscher Sprache erklärt, wo und unter welchen Bedingungen man fliegen darf. Hier in Buchwald ist die Wiese im oberen Teil etwas rau. Auch könnten ein paar Steine beim Landen Beschädigungen hervorrufen. Doch geht man ca. 50 m in die Wiese hinein, wird es besser. Man fliegt hier in Buchwald mit kleineren Modellen bis etwa 3 m Spannweite.

Wir fahren aber weiter, vorbei an der „Ferme auberge du Kahlenwasen“, um endlich beim Parkplatz unterhalb des Gipfels anzukommen. Dieser Parkplatz befindet sich bereits in einer stolzen Höhe von 1163 m. D.h. wir haben noch exakt 109 m bis zum Gipfel zu Fuß zurückzulegen.

Zuvor schauen wir uns aber noch einen Westhang an ,wir gehen zum „le Steinberg“. Er ist knappe 100 m in nordwestlicher Richtung ohne nennenswerte Steigung vom Parkplatz aus zu erreichen. Hier darf man ab August über einer großen Wiese, die sich lang über einen Bergrücken zieht, in südwestlicher Richtung fliegen. Die Wiese geht auch weit ins Tal hinunter, so dass Notlandungen bei einem Absaufer – den ich mir hier gar nicht vorstellen kann – kein Problem sind. Bei der Weitläufigkeit des Geländes und der Länge des Hanges können hier auch größere Modelle eingesetzt werden. Das man hier erst ab August fliegen darf, haben wir uneinsichtigen Modellfliegern zu verdanken. Bis vor kurzem war es möglich, das ganze Jahr an dieser Stelle zu fliegen, lediglich eine kleine Wiese war bis zum Abmähen zu meiden. Dies haben einige unvernünftige Kollegen missachtet. Sie sind trotz entsprechender Ermahnungen immer wieder dort gelandet während der Bauer sein Heu eingeholt hat. Und so kam was kommen musste, ein Verbot. In Deutschland hätten wir das Verbot generell. Nicht so in Frankreich. Hier wurde ein Kompromiss eingegangen.

Der Petit Ballon

Um zum Gipfel des Petit Ballon zu kommen, führt der direkte Weg entlang eines Weidezaunes über die Wiese nach oben. Das ist nicht zu verfehlen. Ob man sein Modell – oder seine Modelle – bereits am Parkplatz montiert, um sie „am Stück“ nach oben zu tragen oder zerlegt in einen Rucksack packt, bleibt jedem selbst überlassen. Der Aufstieg dauert für einen durchschnittlich trainierten Modellflieger ca. 15 min, je nach Gewicht des gewählten Modells. Am Petit Ballon kann man mit jeder Modellgröße fliegen!

Es besteht noch die Möglichkeit, auf dem Parkplatz etwas weiter in das angrenzende Wäldchen hinein zu fahren. Das hat zwei Vorteile. Man parkt im Schatten. Und man geht einfach diesen Weg durch den Wald weiter, und kommt so, auf einem etwas längeren Weg, bis auf das letzte kleine Wegstück im Schatten zum Gipfel.

Der Gipfel bietet zunächst eine überwältigende Aussicht auf die Vogesen im Westen, Norden und Süden, auf das Rheintal und den Schwarzwald im Osten. Der Blick reicht von Straßburg bis Basel. Fast der gesamte Gipfelbereich ist baumfrei und Gras bewachsen. Er bietet Landeflächen auch für die größten Segelflugmodelle. Die einzige Schwierigkeit beim Landen, sind die vor allem am Wochenende zahlreich vertretenen Wanderer. Auf die ist natürlich Rücksicht zu nehmen und die Modellfliegerkollegen assistieren dabei gerne.

Zu Befliegen ist der Berg von Nordost über Ost bis Südwest. Bei reinem Nord-, genauso wie bei Westwind geht es auch noch, aber etwas eingeschränkt. Wir fliegen heute bei Nordost. Das ist nicht nur seine beste Seite, weil wir wie immer bei Nordost die Sonne im Rücken haben, sondern der Berg in der Richtung, von ein paar kleineren Hügeln abgesehen, nahezu direkt aus dem Rheintal herauf wächst. Bei 15° Lufttemperatur und einem Wind zwischen 10 und 15 km/h halten wir es bis zum späten Nachmittag leicht im T-Shirt aus. Wahrscheinlich ist es die Sonne, die uns wärmt. Vielleicht aber auch die Freude an diesem herrlichen Flugtag. Der Wind ist gleichmäßig, fast schon laminar und trägt locker weit über 300 m hinauf – wenn man unbedingt will.

Bis zum frühen Nachmittag kommen an diesem Werktag Anfang September knapp 20 Modellflieger auf dem Berg zusammen. An Wochenenden ist natürlich deutlich mehr los. Die Stimmung ist gut. Einheimische Piloten und Gäste gehen freundlich und offen miteinander um. Dafür sorgt nicht zuletzt Jean Marc, der sich um den Modellflug-Betrieb auf dem Petit Ballon kümmert. Es handelt sich schließlich hier um einen Modellflugplatz, der vom französischen Modellflug-Verband (FFAM) zugelassen wurde. Jean Marc wird eingreifen, wenn sich ein Modellflug-Kollege etwas ungebührlich verhält. Ansonsten fliegt er gerne eine heiße Kiste, den Furioso. Ein Modell mit 2,90 m Spannweite, „Bock steif“ und „Sau schnell“. Eine Fluggebühr wird auf dem Petit Ballon nicht erhoben.

Fliegt man in Richtung Nordost, muss die Entscheidung zu einer Notlandung unterhalb der Startstelle relativ schnell fallen. Je weiter es jedoch um den Berg in Richtung Südwest herum geht, desto mehr Wiese steht für Außenlandungen zur Verfügung.

An keinem der Hänge, sei es auf dem Gipfel als auch in Buchwald oder Steinberg, ist der Einsatz eines Modells mit Elektromotor notwendig. Hier in den Vogesen kann man das reine Segelfliegen in vollen Zügen genießen. Fliegen wie Gott in Frankreich.

Zu erwähnen ist noch, dass in Frankreich 35 MHz gänzlich verboten ist. Hier sind 41 MHz angesagt. Natürlich fliegen auch an diesem Berg die meisten mittlerweile mit 2,4 GHz. Dabei ist jedoch zu beachten, dass die Sender auf den ausschließlich in Frankreich erlaubten, engeren Bereich in 2,4 GHz umzustellen sind.

Wir fliegen an diesem Tag bis nach 18:00 Uhr und sind dann doch etwas ermattet, aber glücklich. Mit dem Modell auf der Schulter und dem Senderkoffer in der Hand geht es hinunter und zurück zum Auto. Von oben nach unten schauend stellen wir erstaunt fest, dass der Weg einen doch steileren Hang hinauf führt, wie wir das beim Anstieg wahrgenommen hatten. Jetzt ist uns auch klar, warum wir beim Anstieg ins Schwitzen gekommen waren.

Schlemmen in den Vogesen

Nein, auf gar keinen Fall fahren wir jetzt sofort zurück. Zuerst müssen wir eine der in dieser Gegend sehr zahlreichen Fermes Auberges aufsuchen und mindestens eine der dort angebotenen Köstlichkeiten der Region zu uns nehmen. Eigentlich ist es eine Sünde, am Abend wieder zurück zu fahren. Hier sollte man ein paar Tage bleiben, um eben auch die anderen schönen Seiten Frankreichs und insbesondere der Vogesen zu genießen. Mal kurz und schnell einen Happen zu sich nehmen, das geht hier nicht. Wir ordern zum Essen nur eine Kleinigkeit und sind trotzdem anderthalb Stunden im Lokal. Aber geschmeckt hat es. Schnitzel mit Pommes sucht man meistens vergebens auf den Speisekarten. Dafür gibt es „feuillete au Munster ou au barikaas“ (gefüllter Blätterteig mit Münster- oder Bergkäse), „bibalakaas“ (Bibeleskäse), „quiche au munster“ und andere Köstlichkeiten. Von ihrer Ausstattung sind diese Auberges etwas zwischen Gastwirtschaft und Berghütte. Die Milchprodukte, sprich der Käse, wird direkt vor Ort produziert und verarbeitet. Ab November sind die höher gelegenen Auberges , ebenso wie die Straße ab Ried, geschlossen. Im Frühjahr wird die Straße immer an Ostern wieder für den Verkehr freigegeben. Und noch etwas Erfreuliches: einen Ski-Tourismus gibt es hier nicht, was die Natur ursprünglich und wild-romantisch erhält.

Total müde, aber rundherum glücklich fahren wir spät, sehr spät am Abend zurück. Wir kommen wieder. Mal für einen Tag aber auf jeden Fall auch für einen längeren Aufenthalt. um alle tollen Angebote zu genießen.


Eine riesige, hindernis- und steinfreie Landewiese erstreckt sich auf dem Gipfelplateau – und weit den Hang hinunter – nach Südwest. Der Rest eines Bunkers steht am Rand und stört nicht.


Horst startet seine FS 4000 auf dem Gipfel des Petit Ballon nach Nordost.


Nicht nur der Hang ist deutlich gekennzeichnet. Das Gebiet ist auch ideal für Wanderer. Die zahlreichen Wanderwege sind sehr gut beschildert.


In Buchwald kann man bei Nordost-Wind fliegen. Die gleichnamige Ferme Auberge ist keine hundert Meter entfernt.


Eine große, aber teilweise etwas steinige Landeweise am „le Steinberg“. Hier darf man ab August nach Südwest fliegen.


Blick vom „le Steinberg“ zum Petit Ballon. An der kleinen Buschreihe geht es gerade aus zum Gipfel.


Bernhard (links) aus Oberkirch ist ein Glückspilz. Er darf mittlerweile den ganzen Sommer hier verbringen.
Jean Marc (rechts) spricht natürlich Französisch, aber auch das gut verständliche Elsässer Deutsch, so wie die meisten hier.


Der Furioso von Jean Marc. Jean Marc als Starthelfer


Den Weg zum Gipfel kann man auch mitten durch die Weide dieser plüschigen, aber harmlosen Rinder wählen.
Diese Tafel (rechtes Bild) steht an allen Startplätzen und erklärt die Regeln.


In der „Ferme auberge Kahlenwasen“ kann man sehr gut übernachten und ist nur noch wenige Meter vom Parkplatz entfernt. Er liegt etwa 100 m höher, links an der Waldspitze.


Am Ende des Flugtages geht es wieder hinunter zum Parkplatz. Im Hintergrund der langestreckte Rücken des „le Steinberg“.