Schweizer Idylle

Die Fideriser Heuberge, fast ein Geheimtipp

© 25. Oktober 2015 - Frank Schwartz, alle Rechte vorbehalten
Veröffentlicht in FMT-Extra RC-Hangflug 2015


Die Fahrt auf der Autobahn von Basel über Zürich, Sargans und weiter zur Ausfahrt Landquart verlief problemlos – und dank Maut und Tempolimit absolut entspannt. Auch das Stückchen Landstraße nach Fideris lag schnell hinter uns. Ab hier aber ist man in den Bergen und der weitere Anstieg, 12 km auf zwar fast durchgehend asphaltiertem, aber sehr schmalem Weg über 1.200 Höhenmeter hinauf zum Berghotel Arflina in den Fideriser Heubergen, gestaltet sich für Flachländer sehr spannend. Nicht nur, weil der Weg nur ein Auto breit ist, sondern weil es an einigen Stellen direkt neben dem Weg ziemlich steil und weit über ausgedehnte Wiesenhänge nach unten geht. Und weil der Weg aufgrund der langsamen Geschwindigkeit schier nicht enden wollte. – Das macht Eindruck.
Aber Auto und Beifahrerin überstanden es und wir parkten auf einem relativ großzügigen Parkplatz ein. Nach einem freundlichen Empfang bezogen wir das schlichte, aber saubere Zimmer. An Ausruhen war aber nicht zu denken. Es war ja erst 13 Uhr. So wurde schnell ein Flieger ausgeladen und es ging ab zur ersten Erkundung des ‚Haushangs‘.

Der Nordstartplatz
Drei verschiedene Wege führen hinauf zum ‚Haushang‘. Man wählt sie nach der eigenen Kondition aus, es sind insgesamt 90 Höhenmeter zu überwinden. Das schafft man je nach Tempo in 20 - 30 Minuten. Der Startplatz reizt sofort zum Fliegen. Man steht an einer Klippe und startet nach Norden. Seit dem späten Vormittag hat sich – bei Sonneneinstrahlung – ein anabatischer Wind von weit unten aufgebaut, der jetzt am frühen Nachmittag schon einen guten Flug verspricht. Mit dem Heron wird erst einmal das Gelände erkundet. Der Hang ist etwa 400 m breit, da ist viel Platz. Und schon geht der Flug munter auf Augenhöhe direkt an der Kante entlang. Das macht Spaß. Steilkurven, mal eine Rolle, mal ein Looping eingebaut, es trägt wirklich gut.
Am späteren Nachmittag dreht der Wind ein wenig und kommt von halb links. Die Sonne bescheint jetzt die davor gelagerten Westhänge. Der dort einsetzende anabatische Wind beeinflusst wohl auch die Strömung an unserem Startplatz. Also fliege ich weiter rechts, die Biegung der Hangkante sorgt dafür, dass man dort immer noch beständigen Hangaufwind hat. Den ganzen Nachmittag waren immer wieder, teils kräftige thermische Ablösungen eingelagert, die den Aufstieg in größere Höhen möglich machten.

Schaut man vom Hotel nach Süden, geht der Blick über den Mini-Streichelzoo mit den Kaninchen und über die Rutschbahn auf den ‚Haushang‘, der sich im Bild direkt oberhalb der Tipis befindet.


Ein paar Meter hinter dem ‚Haushang‘ befinden sich große, ebene Landeflächen.

Zum Landen gibt es verschiedene Möglichkeiten. Hinter der Hangkante ist das Gelände mehrere hundert Meter weit ziemlich flach. Das ermöglicht sichere Landungen – auch mit großen Modellen. Die ersten etwa 50 m sind mit ganz niederem Gestrüpp, teils Heidelbeeren, bewachsen und nicht sehr eben. Dort habe ich mich nur mit dem Heron zum Landen hinein gewagt Den Anflug konnte ich nach Belieben gegen oder leicht quer zum Wind gestalten. Mit schnelleren Modellen bin ich weiter hinten gelandet. Dort hat es sehr große, ausgedehnte Wiesenflächen. Und sollte man ohne E-Thermik unterwegs sein und absaufen: auch kein Problem. Am Hangfuß, etwa 60 m tiefer, befinden sich ebenfalls ausgedehnte Wiesenflächen.
Wie wir später leider feststellen mussten, funktioniert der Hang auch wenn der Himmel bedeckt ist, aber ein Nordwind weht. Das ‚leider‘ bezieht sich auf den bewölkten Himmel, der uns Regen brachte. Aber in den Regenpausen sind wir dennoch in den Wolkenlöchern gut geflogen, wenn auch meist nur in kurzen Etappen, bis uns die nächste Wolke verhüllte.

Arflinafurgga
Bis zum Joch, der Arflinafurgga, müssen vom Hotel 2 km und 250 Höhenmeter zurückgelegt werden. Diese Strecke bewältigt man in weniger als einer Stunde. Man kommt auf diesem Weg am Nordstartplatz vorbei. In der Weite der Senke grast eine ziemlich große Kuhherde. Die Tiere sind weit verstreut. Jedes Mal, wenn wir vorbei kamen, strömten sie aus allen Richtungen auf uns zu, begrüßten und beschnupperten uns, begleiten uns ein Stück des Weges. Kurz, sie waren sehr neugierig. Vermutlich wollten sie wissen, was wir da so Komisches auf dem Rücken trugen.


Hier kann man über sanften Wiesen nach Süden oder über dem Steilhang nach Norden fliegen. Die Landefläche ist perfekt. Ein Aufstieg auf das Matjischhorn (im Hintergrund) lohnt mit und ohne Modell.

Direkt am Joch Arflinafurgga ist dann auch schon der erste obere Startplatz. Man geht am Joch rechts noch den kleinen Hügel, ca.  20 Höhenmeter, hinauf und kann von dort nach Süden starten. Allerdings ist das Landen an dieser Stelle etwas eingeschränkt. Mit kleinen oder F3B/F3J-Modellen mit guter Bremse geht es. Idealerweise landet man auf kleiner Fläche den Hang hinauf.
Besser ist, man geht noch ein paar Meter. Auf dem Joch, direkt vor dem Weidezaun, biegt man links ab Richtung Matjischhorn. Nach etwa 150 m passiert man den Weidezaun. Direkt hinter dem Zaun verlässt man den Wanderweg nach links und geht immer am Grat, bzw. Weidezaun entlang. Wieder 200 m weiter, man hat gerade ein kleines Gesteinsfeld passiert, erreicht man eine langgezogene Wiesenfläche. Das ist der Start- und Landeplatz auf 2.260 m.
Dieser eignet sich bei Südwind oder wenn sich am Nachmittag die südlich gelegenen, großen Wiesenflächen aufheizen und ihre Wärme in Form von Thermik wieder abgeben. So kann man auch hier Flug im dynamischen Hangaufwind und in der Thermik praktizieren. Obwohl die Hangkante nicht so ausgeprägt ist wie am Nordstartplatz, macht aber das Fliegen in Augenhöhe auch hier richtig Laune. Setzt die Thermik ein, kurbelt man schier endlos nach oben.
An dieser Stelle kann man das Modell aber auch nach Norden starten. In diese Richtung fällt das Gelände abrupt und sehr steil ab. Die Bedingungen sind – je nach Wetterlage – ähnlich wie am Nordhang. Ja ich habe sogar erlebt, dass es gleichzeitig sowohl nach Süd als auch nach Nord getragen hat. Ich konnte beliebig die Seite des Grates wechseln.
An dieser Startstelle sind Modelle um 3 m Spannweite sicher ideal. Wenn man sein Modell sehr sicher beherrscht, sollten auch 4- oder 5-m-Segler einsetzbar sein.
Gelandet wird von Osten her. Man fliegt einfach etwas unterhalb, aber sehr nah am Grat an. Im Anflug wird nur die Höhe gehalten. Da das Gelände leicht ansteigt, setzt der Flieger dann irgendwann automatisch auf. Eine Außenlandung mit einem Segler ohne Antrieb sollte nach Süden kein Problem darstellen. Große, gut einsehbare Wiesenflächen ohne all zu große Neigung ermöglichen dies. Säuft man hingegen nach Norden hin ab, muss man sein Modell etwa 120 m tiefer auf der Wiese landen. Der Hang wäre zu steil.
Für mich war es die schönste Stelle zum Modellfliegen in den Heubergen. Und nicht nur das. Auch die Aussicht auf die umliegenden Berge und die beiden Clurnerseen war so schön, dass ich manchmal fast das Fliegen vergessen hätte.

Weitere Startplätze
Wer noch voller Energie steckt, besteigt von der zuletzt beschriebenen Stelle aus das gut 2.600 m hohe Matjischhorn. Der Aufstieg ist einfach. Vom Gipfel aus kann man in alle Richtungen fliegen. Nur für das Landen findet man wenige und dann nur kleine steinfreie Flächen. Also ist dieser Berg eher für kleine, unempfindliche Modelle geeignet.
Und dann ist da noch die vom Hotel aus gut einsehbare Westflanke der Fideriser Heuberge. Diese weit ausgedehnte Wiesenfläche ist vom Hotel aus auch in überschaubarer Zeit zu erreichen. Ab Mitte August kann man dort überall starten – und natürlich landen. Es lohnt aber erst, ab Mittag vom Hotel aus loszugehen. Erst ab Nachmittag wird dieser Hang von der Sonne beschienen und der anabatische Wind setzt auch dort ein.
Die meisten Wiesenflächen in den Fideriser Heubergen werden – wie der Name schon sagt – für das Heu-machen genutzt. Insofern dürfen sie im Juli und bis etwa 10.  August, wenn gemäht ist, nicht betreten werden. Ausgewählte Landeflächen gibt es den ganzen Sommer über. Nach der Heuernte sind die Möglichkeiten großzügig. Man kann dann alle Wiesen – außer einer – betreten. Es versteht sich von selbst, dass dies mit dem nötigen Respekt sowie mit Umsicht geschieht und dass man keinerlei Abfälle zurück lässt. An der Rezeption des Hotel Arflina erhält man eine Übersichtskarte mit den wichtigsten Start- und Landeplätzen. Darin ist auch die einzige ‚verbotene Zone‘ eingezeichnet.

Das Hotel Arflina
Besser sagt man: Berghotel, eine Mischung aus Hotel und Berghütte. Man befindet sich schließlich auf 2.000 m Höhe und alles, was oben benötigt wird, muss über die beschriebene Straße herauf gebracht werden. Die Art der Zimmer zeigt es deutlich. Es gibt wenige Doppelzimmer, mehr 3- und 4-Bett-Zimmer und Gruppenunterkünfte. Dusche und WC sind grundsätzlich auf dem Flur. Man hat sich hauptsächlich auf die Übernachtung von Gruppen eingestellt.
Die Übernachtungspreise sind – angemessen an die Höhenlage und die Schweizer Verhältnisse – in Ordnung. Je nach Art des Zimmers beginnen sie mit Halbpension bei 67,- sFr. im Touristenlager und ab 80,-  sFr. in den Zimmern (Stand 2015). Am Abend gibt es dort oben sowieso keine Alternative für das Abendessen, so empfiehlt es sich, nicht nur vom Preis her gesehen, gleich die Halbpension zu buchen.
Das Frühstück ist reichhaltig, vielseitig und lecker. Am Abend wird ein 3-Gänge-Menü gereicht. Salat oder Suppe gibt es als Vorspeise. Die Hauptspeise bot immer einen ordentlichen Anteil an Fleisch oder Fisch. Dann noch Hungrige können sich ihren Nachschlag von den Beilagen bestellen. Und eine süße Nachspeise bildet den Abschluss. Dieses Menü ist insgesamt reichlich und schmeckte uns allen sehr gut.
Aber, wir sind in der Schweiz. Der kleine Happen am Mittag zur Überbrückung des Tages geht dann doch ins Geld. Mein Favorit waren Rösti mit Tomaten und Käse überbacken für stolze 19,50 sFr. Allerdings ist die Portion so groß, dass sie locker für zwei Personen gereicht hat. Und die Getränkepreise sind auch nicht ohne. Auf hohe Preise in der Gastronomie muss man sich in der Schweiz aber grundsätzlich einstellen. Die Zahl der ausländischen Urlauber ist in der Schweiz sehr deutlich rückläufig. So bleibt zu hoffen, dass dem hohen Preisniveau in Kürze entgegen gearbeitet wird. Denn die Landschaften und die Menschen sind es allemal wert, seinen Urlaub dort zu verbringen.
Das Personal machte einiges wieder gut. Alle waren durchweg sehr freundlich und aufmerksam. Da kann ich nur Bestnoten vergeben.
Im Sommer ist man da oben ziemlich alleine. Wir trafen sehr wenige Modellflieger, ein paar Wanderer und am Wochenende Tagesausflügler, die mittags zum Essen herauf kamen. Alles sehr beschaulich, wenn man bedenkt, dass im Winter 400 bis 500 Gäste pro Tag(!) ihr Käsefondue einnehmen. Dabei sind die Heuberge noch ein kleines, übersichtliches Skigebiet mit nur drei Schleppliften. Zum Wintervergnügen hinauf kommt man mit Pendelbussen, von denen etwa 15 im Einsatz sind. Nach dem Fondue geht es mit Schlitten die 12 km auf der Straße hinunter. Aber zurück in den Sommer.
Sara und Henrik haben das Hotel vor ein paar wenigen Jahren übernommen. Zum Wirtschaftsbetrieb gehören noch ein zweites Haus, hauptsächlich für den Winterbetrieb, die drei Schlepplifte, die Schlittelbahn und der Bus-Shuttle-Betrieb. Also alles ist in einer Hand. Vieles gab und gibt es zu renovieren und zu modernisieren. So wurde zum Beispiel erst vor vier Jahren eine Stromleitung hinauf gelegt. Jetzt müssen weder Hotel, noch die Skilifte mit alten Schiffsdieseln versorgt werden.

Sara und Henrik betreiben das Hotel Arflina, die Buslinie vom Tal herauf und die Skilifte nun seit sieben Jahren. Das Personal ist sehr freundlich und aufmerksam. Sophia stammt aus Gelsenkirchen und ist nun im engagierten Service des Berghotels hängen geblieben.

Auch für die Modellflieger hat man schon einiges getan. Man erhofft verstärkten Zuspruch. Der sehr große Skiraum steht als Modell-Lager zur Verfügung. Ein kleinerer Raum daneben ist mit Tischen und Stühlen ausgerüstet und dient zum Laden oder für eventuell anfallende Reparaturen. Hier bestehen für die Wirtsleute allerdings noch ‚Optimierungs-Möglichkeiten‘. Diese sind aber schon in Planung.

Das ist ein Frühstück für zwei (links).
Bekannt sind die Fideriser Heuberge für ihre winterlichen Fondue-Abende mit anschließender, nächtlicher Schlittenfahrt, 12 km hinab ins Tal. Die ‚wahrscheinlich längste Schlittelbahn der Schweiz‘.

Berghotel Fideriser Heuberge

Land  Schweiz
Internet  www.heuberge.ch
Anfahrt  "Je nach Wohnort gibt es zwei ‚direkte‘ Wege aus Deutschland durch die Schweiz. Zielpunkt ist in beiden Fällen das Autobahndreick bei Sargans. Erste Möglichkeit: Von Basel über Zürich, vorbei an Zürich- und Walensee. Zweite Möglichkeit: Von Lindau/Bregenz auf der Rheintal-Autobahn nach Süden.
Von Sargans geht es noch weitere 10 km auf der Autobahn nach Süden, bis zur Ausfahrt Landquart.
Von dort fährt man auf gut ausgebauter Straße Richtung Davos. Nach ca. 20 km geht es rechts ab nach Fideris.
Die schmale, 12 km lange Straße von Fideris hinauf auf die Fideriser Heuberge ist im Sommer für den privaten Verkehr freigegeben, kostet aber Maut (10,-  sFr.). Die Bewilligungskarte erhält man in dem sehenswerten Örtchen Fideris zum Beispiel in der Orts-Information, die in einer Bäckerei angegliedert ist. Dort kann man dann auch noch leckere Spezialitäten mitnehmen. Oder man zahlt die Maut bei Ankunft im Hotel. Die Auffahrt zum Berghotel ist nicht immer perfekt ausgeschildert, aber eigentlich nicht zu verfehlen. Es geht – fast eine halbe Stunde lang – nur den Berg hinauf!"
Mautstrecke  Maut auf Schweizer Autobahn und Bergstraße Fideriser Heuberge
Lage  einzelstehend ca. 1.300 m über dem Talgrund
Eignung  sachlich
Unterkunft  2-, 3-, 4-Bett-Zimmer und Lager
weitere Freizeitmöglichkeiten  direkt vor Ort Wandern, Mountainbiken, Wintersport, Abfahrten mit dem Trolli
Kontakt
Ansprechpartner  Henrik Vetsch
Ort  CH-7235 Fideris
Telefon   +41 (0) 81 300 30 70
E-Mail  info@heuberge.ch
Internet  www.heuberge.ch

Hang 1  Haushang'

Koordinaten   46°51'47.23"N 9°43'21.36"E
auf Höhe  2.030 m
Hangausrichtung  N
geeignete Modelle  Segler und E-Segler bis 4 m, bei guten Bedingungen auch größer
Schwierigkeitsgrad  leicht bis mittel
Landemöglichkeiten  steinfreie, flache Wiesen hinter der Hangkante
Anfahrt zum Fluggelände  zu Fuß ab Berghotel ca. 20 - 30 Minuten
Parken  direkt am Berghotel
Flugsaison  von Ende Mai bis Oktober
Flugzeiten 
Platzordnung  direkt im Hotel erhältlich
Gebühr  keine

Hang 2  Arflinafurgga

Koordinaten   46°51'33.57"N 9°42'26.57"E
auf Höhe  2.260 m
Hangausrichtung  S und N
geeignete Modelle  Segler und E-Segler bis ca. 3 m, bei guter Beherrschung auch größer
Schwierigkeitsgrad  mittel
Landemöglichkeiten  steinfreie, abfallende Wiesen nach S
Anfahrt zum Fluggelände  zu Fuß ab Berghotel ca. 60 - 80 Minuten
Parken  direkt am Berghotel
Flugsaison  von Ende Mai bis Oktober
Platzordnung  direkt im Hotel erhältlich
Gebühr  keine

Nachbargebiete  weitere Hänge in der Umgebung müssen erwandert werden. Besonders geeignet: Matjischhorn, Wiesen an den Westhängen


Der Talort Fideris ist mit seinen alten, gepflegten Stein- und Holz-Häusern sehr sehenswert.